Der verschwundene Mond

Die Wolke, wie eine langschwänzige Maus,
schnappte zu und wehte vorbei.
Der Mond glitt hinter dem Hügel heraus
wie ein zerschlagenes Ei.

Die Sonne blickt' früh in den Brunnen der Seen –
verdutzt, weil den Mond sie nicht sah.
So blieb sie kurz vor dem Hügel stehn
und rief, doch kein Mond war da.

Der Fischer am Fluss, der den Ruf vernahm,
dachte ein Späßchen sich aus.
Das Spiegelbild, das ihm entgegen kam,
fischte er mit den Händen heraus.

Verschnürte es gut und drückt' noch einmal
mit den Knien die Ohren an
und band es an einen goldenen Strahl
der Sonnenwimpern sodann.

Die Sonne blickte zum Himmel hinauf
"Wie schwer fällt die Arbeit mir!",
doch plötzlich riss etwas die Lider ihr auf,
da sah sie: der Mond war hier.

Die Freude sprang aus den Augen ihr wild,
doch auf einmal – der Strahl riss ab
und schließlich rutschte das Spiegelbild
vom Hang auf die Wiese hinab.

Die Sonne erschrak, doch der Alte lacht',
dass es dröhnte wie Donner im Rund.
Als blaue Taube das Licht der Nacht
Flog ihm in den offenen Mund.

Sergej Jessenin [1917?] veröffentlicht 1918
(Übersetzt von Annemarie Bostroem)