GEDICHT März 2010

Nocturno mit Drachen
für Wolfdietrich Schnurre

Auch ich werde wach
auch für mich
macht die Straße
vor dem Haus eine Nebelschleife
herauf bis ins zweite Stockwerk

Wenn der Mond seine Hörner aufsetzt
und brüllt vor dem Fenster
hole auch ich
mein Pferd aus dem Schrank
das rote

und reite reite
bis an die äußerste Grenze
wo der Grenzwächter knallt
mit der Peitsche
einmal und zweimal

dass je nachdem
der Drache
der Dienst tut als Schlagbaum
seinen gepanzerten Schwanz
hebt oder senkt

Auch ich werde dort
vor dem knarrenden Schwanz
überprüft
und zurückgewiesen
wegen unerwünschter Gesinnung

Erich Fried, Quartheft 65, Gegengift, Wagenbach, 1974