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Gemeinsame Schule

Notengebung ist intransparent

Eine Studentin sitzt im Gras und schreibt in ihrem Heft

Noten: Von den Unis zu den Schulen

 

Als die österreichische Hochschüler:innenschaft 2013 ihr 242 Seiten starkes Werk „Forum Hochschule – Ergebnisse, Forderungen & Perspektiven" präsentierte, reduzierte sich das durchaus beachtliche Medienecho auf die zwei folgenden Sätze:

 

„Aufgrund der Intransparenz und des mangelnden didaktischen und wissenschaftlichen Benefits der Notengebung soll diese in der derzeitigen Form abgeschafft werden. Lehrveranstaltungen sollen mit der Beurteilung 'Bestanden' oder 'Nicht bestanden' abgeschlossen werden, zusätzlich bekommen Studierende ausformuliertes Feedback auf ihre Leistungen."

 

Seitenlange Analysen über Hochschulgovernance, Qualität der Lehre, Soziale Absicherung und Finanzierung blieben damals völlig unbeachtet, während sich Frau und Herr Österreicher:in darüber echauffierten, dass ein Haufen durchgeknallter „Linker" ein Attentat auf das österreichische Notensystem an den Universitäten plane.

 

Wenden wir uns den Pflichtschulen zu:

 

Seit Jahrzehnten wird in der Pädogogik eifrig geforscht und wir wissen heute – trotz zahlreicher Versuche der bewussten Verdrängung – vieles. Wir wissen, dass Leistungsbeurteilung der Ausgangspunkt für angepasste Förderungen sein sollte. Wir wissen, dass dort, wo Unterricht auf Belohnung ausgerichtet ist, Schüler:innen schwierigen Aufgaben ausweichen. Wir wissen, dass solcherart der Drang, Fragen zu stellen, die Angst vor Misserfolg schürt. Deshalb gehen Schüler:innen den pädagogischen Verletzungsgefahren aus dem Weg, um Enttäuschungen zu vermeiden. Doch wer Enttäuschungen aus dem Weg geht, bleibt länger im Zustand der Täuschung.

 

Aus den genannten Gründen vermuten, nein, wissen viele, dass Ziffernnoten auf der quasi gewohnheitsrechtlich tradierten Skala von Eins bis Fünf kontraproduktiv sind, wenn ein pädagogisches System zur Förderung individueller Lernfortschritte und motivierender Lernerfolgserlebnisse eingerichtet werden soll. Deshalb sollte die schematische, summative Leistungsnotenbeurteilung dringend von einem freudvoll motivierenden miteinander und voneinander Lernen abgelöst werden. Zahlreiche Untersuchungen und Rückmeldungen beweisen, dass summative Leistungsbeurteilungen, reproduzierendes Lernen vorgegebener Lehrinhalte und Fehlervermeiden als vorrangiges Ziel für alle Beteiligten eine Belastung darstellen, die dem Wunsch nach wertschätzender, individuell-fördernder Unterrichtsarbeit mit formativen Leistungsüberprüfungen, die auf Stärken aufbauen und weitere Lernfortschritte vorbereiten würden, zuwiderläuft. Mit anderen Worten: Leistungsbeurteilung mit Hilfe von fünf armseligen Zahlen ersetzt nicht die Beobachtung und Unterstützung von Lehr- und Lernprozessen und den damit einhergehenden Aufwand für laufende Dokumentation der Mitarbeit und verbale Beurteilung.

 

Warum geschieht also nichts?

 

Fehlt es an Mut und Engagement?

 

Nun, man darf die Altlasten nicht vergessen, quasi den Atommüll viele Jahrzehnte alter schulpolitischer Dogmen.

 

Die Zeitbombe des summativen Ziffernzeugnisses tickt ab der 2. (!) Klasse Volksschule und wirkt wie ein Testlauf für maschinell vorgefilterte Karrierestufen. Wenn die Bildungswegentscheidung mit dem Datum des Zeugnisses der 4. Klasse verknüpft ist und diese Tatsache verfassungsgesetzlich seit 1962 verankert bzw. einzementiert ist, dann liegt die ideologische Latte für klares Denken hoch, für einzementiertes jedoch deutlich niedriger. Eigentlich sollten soziale Herkunftsschranken längst beseitigt sein, damit die Talente junger Menschen aus bildungsfernen Haushalten gefördert werden können – dem zweiten Halbsatz schließt sich selbst die Agenda Austria an, während sie im selben Atemzug strikt leugnet, dass Bildung in Österreich „vererbt" wird.

 

Doch das Problem hat in unserem Land längst ganz andere Dimensionen erreicht:

  • Bildung und selbst Wissenschaft wird inzwischen beinahe ausschließlich in Kennzahlen gemessen.
  • Kritisches Denken ist unerwünscht.
  • Ausbildungsziele sollen sich am akut nachgefragten Bedarf des Arbeitsmarkts orientieren.
  • Auswahlverfahren für Personalentscheidungen sollen auf Basis vergleichbarer Datensätze abgewickelt werden können (Wo kämen wir hin, wenn die Recruiting-Unternehmen die Qualifikation nicht an Hand einer Notenskala, sondern durch sinnerfassendes Lesen herausfinden müssten).
  • Nicht der Mensch ist Mittelpunkt, der Mensch ist Mittel. Punkt.

Ausblick

 

So wie die Staatsbürgerschaft einer Person nichts über deren Fähigkeiten und Qualifikationen aussagt, wird das österreichische Bildungswesen bald Zeugnisse ausstellen, die Makulatur bleiben, weil sie nichts über Personen aussagen, sondern dem Wert einer falschen Telefonnummer entsprechen, die niemandem zugeordnet werden kann. Dabei kann ein einziges, bestimmtes, „falsches" Zeugnis einem Menschen im jugendlichen Alter die Chance des Lebens verbauen. Diese Irrfahrt muss endlich gestoppt werden. Vom Eintritt in das Bildungswesen an brauchen junge Menschen Chancen und Dialoge, damit sie von ihrem Recht Gebrauch machen können, Entscheidungen zu treffen. Das lernt man, indem man es tut, und nicht indem man „Nicht genügend" ins Gesicht gebrüllt bekommt.

 

Ein bescheidener Systemwechsel in der Art der Notengebung könnte einen pädagogischen Ruck auslösen und eine Art von jugendlich angemessener, menschlicher Revolution herbeiführen.

 

 

Stefan Schön

UGÖD Pressesprecher