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Nachlese UGÖD-Café September 2022

Universitäten: Wissenschaft, Kunst und Forschung im Brennpunkt von Klimakrise, Pandemie und Krieg

Einladung zum UGÖD-Cafe am 13. 9.

Im Brennpunkt von Klimakrise, Pandemie und Krieg

 

befinden sich Universitäten nicht nur aktuell, sondern bei näherem Hinsehen seit Jahren, wenn man sich Forschungsleistungen zur Klimaproblematik vor Augen hält und feststellen muss, dass Fakten, die auf dem Tisch liegen, bei Entscheidungsträger:innen ignoriert werden und in der Gesellschaft nicht ankommen. Darüber waren sich die Diskutant:innen dieses UGÖD-Cafés einig und dieser  Aspekt sollte breiten Raum einnehmen. Mit unserem geladenen Gast, Vizerektor Bernhard Kernegger von der Universität für angewandte Kunst Wien entspann sich ein reger Dialog zu diesem und weiteren brennenden Themen der österreichischen Universitätslandschaft.

 

Schlechte Prognosen

 

Der Input von Kernegger gestaltete sich global aufrüttelnd: Im Zusammenhang mit dem von Russland entfesselten Krieg gegen die Ukraine ist es bedauerlich zu beobachten, dass dieser Aggressionskrieg auch von erheblichen Teilen der in Österreich ansässigen russischen Gesellschaft unterstützt wird, trotz deren Zugang zu Informationen abseits von russischer Kriegspropaganda. Dennoch müsse es ein Gebot der Stunde sein, russische Studierende zu unterstützen, ohne wirtschaftpolitische Sanktionen gegen Russland zu unterlaufen. Widerstände gegen Ergebnisse der Klimaforschung zeigen wiederum, dass die Gesellschaft nicht verdauen will, was ihr nicht schmeckt. Über die Frustration der Forschenden sollte mindestens so dramatisch berichtet werden, wie über den Eisverlust der Antarktis. Das wiederum würde voraussetzen, dass Universitäten ihre Position, sich niemals aktiv in Diskurse einzumischen, ändern müssten. Kurz nach Ausbruch der Pandemie hätte der große Erfolg der Entwicklung eines Impfstoffs mit der Einbindung der universitären Fachleute zu den ethischen Fragen der Verteilungs- und Maßnahmenpolitik fortgesetzt werden müssen. Es war falsch, dies mit dem Hinweis darauf, dass kein Auftrag dazu vorgelegen wäre, zu unterlassen.

 

Christian Cenker, Universität Wien und Vorsitzender des Universitätslehrer:innenverbands (ULV) bestätigte, dass seiner Erfahrung nach die Universitäten ihre gesellschaftliche Verantwortung viel zu wenig wahrnehmen. Abgesehen von Aufträgen zu ethischen Technologieabschätzungsfolgen und aktuell zur Ethik von künstlicher Intelligenz, ist das Thema in den Lehrveranstaltungen viel zu wenig vertreten.

 

Mirko Adam, studentischer Mitarbeiter an der Universität Innsbruck, beklagte, dass zu seinem Forschungsbereich zusätzlich Kenntnisse aus Wissenschaftskommunikation automatisch vorausgesetzt würden, obwohl es sich um völlig unterschiedliche Fächer handle.

 

Optimierung, Kennzahlen, Leistungspunkte

 

Nach der Auffassung von Kernegger greift das Schlagwort “Kommunikationsproblem“ zu kurz und er benennt die Wand, die die Aussicht verhindert: Ein System von Kennzahlen fördert enggefasstes Forschen und Publizieren. In vielen Bereichen gibt es minimale Forschungsförderungen und Abzüge, wenn nicht optimiert wird. Auf Schnittstellen mit der Zivilgesellschaft wird viel zu wenig geachtet. Solche Schnittstellen wären aber enorm wichtig, um zu verhindern, dass hauptsächlich Einzelkämpfer:innen sich um die Kommunikation bemühen. Damit könnte auch erfolgreich dem Vorwurf begegnet werden, dass Universitäten zu wenig Praxis vermitteln würden.

 

Lehrer:innenausbildung

 

80% der Lehrer:innen werden an der Universität Wien ausgebildet, berichtete Cenker, doch übergreifende Synergien zwischen Fächern und Disziplinen finden kaum statt. Regina Bösch, AHS Lehrerin in Wien, beschrieb den enormen Druck, der insbesondere auf Junglehrer:innen lastet. Beide sind sich einig, dass angehende Pädagog:innen schon zu Studienzeiten rücksichtslos ausgenutzt und überfordert werden, während der zuständige Minister lapidar auf den Personalmangel verweist. Bösch betonte eindringlich, dass Willensbekundungen zu wenig sind und dass unterstützende Referenzorganisationen, wie z. B. „Teach for Austria“, ausgebaut werden müssten, um für Junglehrer:innen rechtzeitig Kontaktmöglichkeiten herstellen zu können. Kernegger bestätigte die Wichtigkeit von Schnittstellen und interdisziplinärem Dialog, weil er davon überzeugt ist, dass Universitäten ihre Handlungsspielräume verstärkt nutzen müssten, um der „Generation Krise“ sinnvolle Beiträge zur Verfügung zu stellen. An der Angewandten sei es durch Initiativen des Rektors gelungen, Entwicklungen von außen zu antizipieren und umzusetzen. Das betraf und betrifft sowohl klassische Disziplinen, als auch das „Crossing“.

 

Der Handlungsspielraum der Universitäten

 

Einen gewissen Einblick in das Regelwerk von Leistungsvereinbarungen der einzelnen Universitäten jeweils mit dem Ministerium erhielt unsere Gesprächsrunde durch Kernegger, der hier Selbstbeschränkungen verortet, die nicht zielführend sind und auf Ebene der einzelnen Universitäten offen diskutiert gehörten, beispielsweise in den Senaten. Die Universitäten sollten sich nicht Einschränkungen unterwerfen, die nicht im Gesetz stehen.

 

Die Situation des Universitätspersonals

 

Die Gehaltsabschlüsse der letzten Jahre fielen für die Beschäftigten in den letzten Jahren ernüchternd aus, oft lagen sie knapp unter dem Ergebnis des öffentlichen Dienstes. Gab es einmal quasi überraschend „zusätzliche“ Budgetmittel, wie 2017, so wurden übertrieben viele Professuren geschaffen, während das bestehende Personal überwiegend leer ausging. Friedrich Hess, Wirtschaftsuniversität Wien, berichtete vom Personalschwund beim sogenannten „allgemeinen“ Personal, welches zur hochqualifizierten Unterstützung der Forschenden und Lehrenden eingesetzt wird. Das Hauptproblem liegt in den vielen prekären Anstellungsverhältnissen in Teilbeschäftigungen, die real mit ausufernden, unbezahlten Überstundenleistungen verbunden sind. Cenker bestätigte die enorme Wichtigkeit dieser qualifizierten Personalgruppe. Statt deren Ausbau werden jedoch die Universitätsleitungen regelmäßig dazu angehalten, allgemeines Personal abzubauen. Kernegger räumte ein, dass die Schwierigkeit darin liegt, auf der einen Seite Anerkennung mittels entsprechender Entlohnung auszudrücken, andererseits aber durch Beschränkung der Personalkosten die Spielräume der Universitäten für Investitionen erhalten zu wollen. Um vernünftige Ergebnisse zu erzielen, vermisste er Diskussionen, die über die Geltendmachung des Finanzbedarfs hinausgehen müssten. Die Perspektive, ein schlechtes Betreuungsverhältnis von Lehrenden zu Studierenden zu verbessern, könne nicht damit konterkariert werden, es „weniger“ schlecht zu machen. Hier steht der Innovationsbezug von Investitionen der Stabilisierung des Systems insgesamt entgegen. Dazu kommt, dass die isolierte Betrachtung der Universitäten zu anderen Schlüssen führt, als jene der Gesellschaft. Aus diesem Grund hat auch der UniNEtZ-Optionenbericht argumentiert, dass die Gesellschaft finanziell etwas tun muss, um die Wertschätzung von Personen anzuerkennen, die aktiv etwas für die Gesellschaft leisten. Schließlich ging Kernegger auf die Nachfrage von Sabine Hammer, Veterinärmedizinische Universität, Vorsitzende der UGÖD, ein, ob denn die Spartenfinanzierung der Universitäten eine gute Idee sei, und meinte, dass dies Entwicklungsdiskurse im Ministerium voraussetzen würde. Man kann daraus schließen, dass es diese gegenwärtig nicht im ausreichenden Maße gibt.

 

Abbild des Abgrunds?

 

Am Schluss bedankte sich Kernegger für den Themenaufriss der UGÖD in dieser Veranstaltung. Wenn wir uns heute die Frage stellen „Wie kommt man von der Bewegung in Richtung Abgrund weg?“, dann müssen sich die Universitäten entscheiden, ob sie lediglich ein Abbild der Gesellschaft sein, oder Keimzellen für neue Räume entwickeln wollen.

 

Stefan Schön
Pressesprecher UGÖD

 

 



UGÖD-Jahresthema

Grafik: Jahresthema Chancengleichheit

Unser Jahresthema für 2022 ist die Chancengleichheit, der wir besondere Aufmerksamkeit und viele spannende Treffen widmen, um gemeinsam nach Lösungen zu suchen.

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